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Nachdenken über die Sakramente -
Beichte -
von Cornelius Bohl OFM (Franziskaner Magazin Winter 2011)
Wie wurde ich erzogen? Haben Eltern und Lehrer mir Mut gemacht, mit Lust und Neugier auf das
Leben zuzugehen, Stärken zu entdecken, Fähigkeiten zu entwickeln? Oder haben sie ständig
gebremst und eingeengt mit Warnungen, Verboten, Strafen? Hieß die Grundbotschaft: Entdecke
deine Möglichkeiten! Oder eher: Pass bloß auf, dass du ja nichts falsch machst! So eine
Grundbotschaft stellt die Weichen für ein ganzes Leben!
Zachäus war ein Sünder. Er hat Menschen betrogen. In der Begegnung mit Jesus ändert er sich.
Jesus aber hat ihm kein schlechtes Gewissen eingeredet, nicht mit Strafen gedroht. Er hat ihn
zunächst einmal angenommen, so wie er ist, und sich bei ihm eingeladen. Er hat ihm zu verstehen
gegeben: Du hast noch mehr Möglichkeiten, als du bisher gelebt hast. »Auch dieser Mensch ist
Sohn Abrahams! « Wer hätte gedacht, dass Zachäus auch teilen kann! Umkehr ist mehr als nur
Fehler vermeiden, nicht nur ein moralisches Besserwerden. Sie lässt neue Möglichkeiten im Leben
entdecken, näher an das Bild kommen, das Gott von mir hat.
Natürlich ist Umkehr auch anstrengende Arbeit. Darum gehört zur Beichte die Buße, der »gute
Vorsatz«. Dennoch ist Beichte primär kein Instrument zur moralischen Besserung. Um an mir zu
arbeiten, brauche ich kein Sakrament. Viele Menschen leiden darunter, dass sie immer das
Gleiche beichten. Anscheinend ändert sich gar nichts. Ist dann die Beichte überhaupt noch
sinnvoll? Umkehrprozesse vollziehen sich langsam. Vieles ändert sich nie. An mancher Last trage
ich ein Leben lang. Genau da aber sagt Gott zu mir: Und ich nehme dich gerade so an! In das
Bekenntnis meiner Schuld hinein spricht er mir seine Liebe zu — nicht als Belohnung für gute
Taten. Weil Gott mich annimmt, darf ich selbst mich annehmen. Das befreit.
Es gibt ein fast mechanisches Verständnis von Beichte. Sie scheint ein Automatismus zur
Schuldvergebung, eine Reparaturmaßnahme: Was falsch gelaufen ist, wird in Ordnung gebracht.
So wie man eine kaputte Waschmaschine wieder funktionstüchtig macht. Beichte aber ist mehr.
Sie ist personales Beziehungsgeschehen, Begegnung mit Christus. Oft ist schwer zu entscheiden,
was eigene Schuld ist und was Verantwortlichkeit des anderen. Leben ist komplex: Ich werde
schuldig. Aber ich leide auch unter der Schuld anderer. Ich bin Situationen hilflos ausgeliefert, oft
Täter und Opfer zugleich. Nicht immer kann ich dieses Knäuel korrekt auflösen. In der Beichte lege
ich es voll Vertrauen in Gottes Hand: Schuld wird er vergeben. Was verwundet und zerbrochen ist,
will er heilen. Schweres hilft er tragen.
Gott verzeiht nicht nur in der Beichte. Vergebung geschieht auch in Reue und tätiger Umkehr. In
der geistlichen Tradition haben das Gebet, das Lesen der Heiligen Schrift, die Feier der
Eucharistie, Fasten und »gute Werke« Sünden vergebende Wirkung. Aber im Sakrament erfahre
ich die heilende Nähe Jesu in besonderer Ausdrücklichkeit. Das auszusprechen, was ich gerne
verstecke, fällt schwer, aber es hilft, mir selbst nichts vorzumachen. Solche Selbstreflexion fördert
eine Kultur der Achtsamkeit gegenüber mir selbst.
Wie eine Pflanze guten Boden braucht, um zu wachsen, so braucht die Beichte eine »Kultur der
Versöhnung«, um Frucht zu bringen: ehrliche Reflexion, Arbeit an mir selbst, Verzeihung erbitten
und gewähren. »Buße« und »Versöhnung« bleiben Fremdwörter, wenn sie nur einmal im Jahr in
einer ritualisierten Beichte vorkommen, sonst aber nie.

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