header

Impuls zum Evangelium vom 4. Fastensonntag: Joh 9,1-41 https://www.erzabtei-beuron.de/schott/schott_anz/index.html?datum=2020-03-22

In Würzburg gibt es ein Café, wo man im ersten Stock vor einer Glaswand sitzt und schön das Geschehen auf dem Marktplatz beobachten kann. Da oben war ich vor ein paar Wochen gesessen. Dabei habe ich die Leute beobachtet, die da unten vorbeigegangen sind: Junge Studenten, die von ihren bescheidenen Zimmern in der Pleich kamen und raschen Schrittes zur Uni liefen; ein Herr mittleren Alters schob eine Frau im Rollstuhl vor sich her; ein Einzelner, offenbar Verwirrter, predigte laut zu Leuten, die gar nicht da waren; eine junge Frau, die nicht sehen konnte, ging überraschend schnell über die Straße, wo eben noch die Straßenbahn vorbeifuhr.

Ich dachte mir: Das Leben passt in keine Schablone! Wer denkt nach? Wer fragt nach dem Sinn? Wer hinterfragt die Plausibilitäten, die uns die Werbeplakate vom Leben vorgaukeln?

Der Blinde in Joh 9 wird uns nicht mit Namen vorgestellt. Vielleicht, weil er für uns alle steht: Der Blinde wird durch die Begegnung mit Jesus zum Sehenden – nicht nur vordergründig, sondern in einem noch tieferen Sinn werden ihm die Augen geöffnet. Und zwar gerade durch die Auseinandersetzung mit den Skeptikern, die an ihm herummäkeln, ihn als „Asi“ ansehen. Erst sagt er: „Ich weiß es nicht“, wer mich geheilt hat. Dann vermutet er: „Er ist ein Prophet“. Als nächstes wird er ironisch: „Ob er (Jesus) ein Sünder ist, weiß ich nicht. Nur das eine weiß ich, dass ich blind war und jetzt sehe… Wollt etwa auch ihr seine Jünger werden?“ Schließlich bricht es aus ihm heraus: „Ich glaube, Herr! Und er warf sich vor ihm nieder.“

Der Evangelist fasst den unerhörten Rollentausch in die Worte, indem er Jesus sagen lässt: „Um zu richten bin ich in diese Welt gekommen: damit die nicht Sehenden sehen und die Sehende blind werden. – Einige Pharisäer, die bei ihm waren, hörten dies. Und sie fragten ihn: Sind etwa auch wir blind?“ – Man würde erwarten, dass Jesus nun antwortet: „Genau! Ihr habt es erfasst! Ihr seid blind und merkt es nicht!“ Aber die Antwort lautet anders: „Wenn ihr blind wärt, hättet ihr keine Sünde. Jetzt aber sagt ihr: Wir sehen. Darum bleibt eure Sünde.“

Weg von der Täuschung – hin zum richtigen Sehen, durch die Begegnung mit Jesus! Ob nicht die gegenwärtige Krise im Zusammenhang mit dem Corona-Virus manchem die Augen öffnen könnte? Manchen Selbstbetrug entlarven könnte? Was ist das Leben? Was ist sicher, was ist Illusion? – Ich trinke meinen Kaffee und denke darüber nach.

Edwin Ziegler, Pfarrer

als PDF Fastensonntag_4_Impuls.pdf

­